" Ode an die Armada der Namenlosen "
Keiner kennt sie, die gesichtslosen untergegangenen Trillionen von Individuen im Grab der Zeit. Keiner vermisst sie, da ihre Biografie namenlos blieb. Keiner kennt ihr Aussehen. Ohne Abbild verblasst ihr Leben im Gedächtnis der zurückgebliebenen Liebenden. Sie waren so wichtig für die sich entwickelnde Evolution und gemeinsam schufen sie die Zivilisation. Dagegen stabilisiert sich die Menschheitsgeschichte in akzentuierenden Ereignissen; einzelne Personen manifestieren Epochen. Schlaglichter im Reich der Schatten. Auf den Friedhof der Namenlosen türmen sich verwitterte Grabsteine zu einem gigantischen babylonischen Turm mit fast blinden Fenstern, hinter denen auch einstige Berühmtheiten langsam verblassen. Vergessen wir die Tristesse einer verlorenen Zeit und streben der glänzenden, erhofften Zukunft entgegen. Die mediale, internetverbindende Internationale wird alle Weltbürger zu Sekunden-Stars einer virtuellen Cyber-Realität stylen. Zeit wird durch Megabit-Platinen von gigantischer Schnelligkeit relativiert. Ultraschnelle Server klonen eine scheinbare virtuelle 3-D-Simulation. Vergangenheit und Zukunft werden in dimensionierten Zeitsprüngen aufgehoben oder neu definiert. Niemand altert im kultischen Medium einer gläsernen Multidimension, inmitten zahlreicher Zwischenwelten von galaktischer Manipulation. Jeder kann alles wissen, erreichen, benutzen. Der nicht fassbare Informationsfluss wird zum reißenden Strom der Beliebigkeit. Alle denkbaren Bereiche fließen konturlos zum totalen Hyper-Superkosmos der glücklichen Surfer ineinander. Kein lebender Organismus hat die Chance, anonym zu bleiben; alles wird erfasst, gesteuert und nutzbar gemacht. Voyeuristische photonische Netze bilden Performance und fokussieren ein Desaster auf dem Display des Internet-Zeitalters. Die Diktatur der totalen Transparenz schuf einen orwellschen Bruder von epochaler Größe; alle Namenlosen der menschlichen Genesis aus Vergangenheit und Zukunft werden reaktiviert und suggestiv ins Netz gestellt. Jeder kann jeden interaktiv besuchen, verknüpfen und wieder ausklicken. Der Kontakt kostet nicht viel im Sinnenreich der Beliebigkeit. Zurück bleibt ein fahler Geschmack und Sehnsucht nach den großen „Irrtümern“ (?) der verlorenen Zeit: Gefühle wie Liebe und Zärtlichkeit, familiäre Verbundenheit, menschliche Kontakte voller Zuneigung, geistiger Austausch, individuelle Prozesse im Bewusstsein eines kollektiven Seins. Glücksempfinden durch das Berühren der Haut sensibler Wesen im Bewusstsein der zeitlichen und räumlichen Begrenztheit scheint zu temporären Floskeln zu erstarren. Das Hier und Heute duldet keine nostalgische Vergangenheit; oder kann die Gegenwart eine kleine Pause des Nachdenkens über eine wünschenswerte Zukunft einlegen?